Geschichten aus dem Verein

Elektroflugwettbewerb vom 04. September  2004   Erinnerung an die H 401 Kestrel
organisierter Flugmodellsport in Schkeuditz   Entwicklung der Sendetechnik
Wer zu hoch hinaus will... v. Peter Westphal    



Wer zu hoch hinaus will...
 
Es war Vatertag 1995, Vereinsflugtag. Sollte man besser sagen Himmelfahrt?
Das Wetter war prächtig, bereits beim Aufstehen schwebte ein Heißluftballon über Schkeuditz. In diesem Jahr hatten wir was ganz tolles geplant: Wettbewerbe in verschiedenen Flugdisziplinen mit funkferngesteuerten Modellen. Nach dem Mittagessen sollte der Dauerflug-Wettbewerb stattfinden.
Während sich einige noch ein Verdauungsschläfchen gönnten, wagte ich den 1. Start mit meinem Motorsegler. Einer sagte noch: „Wenn Du in den nächsten 10 Minuten Thermik findest, wecke mich.“ Doch zum Schlafen kam der nicht. Es setzte eine Thermik ein, dass man hätte ein Scheunentor fliegen lassen können.
Nach nur einer Minute Motorlaufzeit hatte mein Modell bereits eine schwindelerregende Höhe erreicht. Auch so manch anderer ließ (s)einen steigen. Ich bestellte mir zunächst meinen Klappstuhl, dann ein Bier und schließlich brachte man mir noch einen Sonnenschirm. Nach einer knappen Stunde Flugzeit gesellte sich eine Herde Störche in den Luftraum um mein Modell. Wer bei wem geschlaucht hat, lässt sich heute nicht mehr sagen. Mein Modell ließ sich kaum noch von den Störchen unterscheiden. Plötzlich, wie sollte es anders kommen, verlor ich mein Modell aus dem Auge.
Ich machte sofort ALARM. „Ferngläser raus! Augen auf!“ Doch es half nichts, das Modell war weg. Einer meinte noch er hätte kurz darauf in der Ferne etwas weißes schnell zu Boden gehen sehen.
Nachdem eine zweistündige Suche in diesem Gebiet nichts brachte, kam ein anderer auf die Idee: Wir sollten den Verlust des Modells im Radio verkünden lassen. Der MDR sendete meine Suchmeldung nach einem weißen Segelflugzeug auch prompt.
Ich hatte mein Modell bereits abgeschrieben und machte mir Gedanken, was ich als nächstes bauen würde, als mich ein Anruf weckte: Im Sendestudio des MDR hatte sich doch tatsächlich einer gemeldet, der ein weißes Flugzeug in der Nähe eines Dorfes bei Roßlau entdeckt hatte. Wir alle waren sprachlos. Roßlau liegt hinter Dessau, an der Elbe!
Mein Modell musste über 60 km im ungesteuerten Gleitflug zurückgelegt haben.
Die alten Hasen, einst leibhaftige Segelflieger, hielten dies durchaus für möglich. Auch für die abweichende Windrichtung in der Höhe gab´s eine Erklärung.
 Also: Treffpunkt mit den ehrlichen Findern vereinbart, Geld geborgt, um diese zu belohnen und ab auf die Autobahn.
Beim Treffen mit den „Findern“ bekam ich erste Zweifel, spätestens als die mir sagten, dass sie das Flugzeug unmöglich hätten mitnehmen können. Aber: die große Schwester sei zum Aufpassen dort geblieben. Mir wurde die ganze Sache langsam komisch. Als wir dann mit dem Auto das Dorf verließen, schon weit hin das weiße Flugzeug auf dem Feld sahen, wurde mir klar, warum ich als „Stift“ immer angemahnt wurde, wenn ich ein Flugmodell als Flugzeug betitelte: Vor uns stand ein manntragendes Segelflugzeug, dessen Pilot beim Streckenflug Berlin – Dessau und zurück notlanden musste, da wohl zu wenig Thermik war.
Meine „Finder“ hatten das Flugzeug zu der Zeit entdeckt, als der Pilot zum Telefon ins Dorf gelaufen war.
Als dieser zurückkam, wurde er von der umsichtigen großen Schwester nicht mehr an seine Maschine gelassen, da ja das Flugzeug im Radio gesucht wurde und der Besitzer bereits auf dem Wege sei.
Ich hoffe, das spätestens jetzt jeder Leser den kleinen Unterschied zwischen einem Flugzeug und einem Flugmodell erkannt hat!
Nach einer schlaflosen Nacht machte ein Vereinskamerad den Vorschlag von OBEN zu suchen.
Wir charterten in Halle-Oppin eine Cessna und fanden mein Fugmodell nach ca. 30 Minuten Flug in der Steilkurve in einem Getreidefeld in der Nähe unseres Modellfluggeländes. Und zwar dort, wo am Tag zuvor einer etwas weißes schnell zu Boden gehen sah. Dank des nassen Feldbodens war es nur wenig beschädigt. Meine Freude war riesengroß.
Im Vergleich zu einem Totalverlust des Flugmodells waren die Kosten des Fluges eher ein Trinkgeld, der Flug selbst ein bleibendes Erlebnis. Nicht zuletzt, weil auf diese Weise auch mein Magen den Unterschied zwischen einer Cessna und einem Airbus erkannt hat.
Mein „ELEKTRO JUNIOR“ ist auch heute noch mein zuverlässigstes Flugmodell.
 
Peter Westphal

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